Wir wollen den Januar 2007 als Ausgangspunkt verwenden (ein Jahr vor Beginn der großen Finanzkrise in den USA) und legen den Basiswert von 100 für die folgenden drei Variablen fest: Das nominale BIP der Vereinigten Staaten, die von der US-Regierung ausgegebenen Schulden und die Geldbasis der USA (Zentralbankgeld). Jetzt sehen wir uns an, wie sich die Werte bis zum heutigen Tag entwickelt haben:

  • Das nominale BIP hat sich von 100 auf 157 erhöht, was einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 3,25 % seit 2007 entspricht.

  • Die von der US-Regierung ausgegebenen Schulden sind von 100 auf 401 gestiegen und weisen damit eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 10,5 % auf.

  • Die Bilanz der Notenbank Fed stieg von 100 auf 741, eine durchschnittliche Erhöhung von 14 % pro Jahr.

Diese Zahlen illustrieren eine harte Wahrheit: Der Leser sollte sich bewusst machen, dass wir seit mindestens 2008 ein monetäres Experiment erleben, welches in der jüngeren Geschichte einzigartig ist. Die Eurozone verfolgt seit 2012 eine ähnliche Währungs- und Finanzpolitik. Die beiden größten Wirtschaftsmächte der Welt, die Vereinigten Staaten und Europa, haben zur gleichen Zeit beschlossen, ihren Zentralbanken die massive Finanzierung von Haushaltsdefiziten zu ermöglichen, indem die Notenbanken die von diesen Ländern ausgegebenen Staatsanleihen aufkaufen.

Dieses monetäre und etatmäßige Abdriften vollzog sich in zwei Phasen:

  • Zuerst von 2008 bis 2014
  • Später aufgrund der Corona-Pandemie, seit 2020

Ein vom Mars abgesandter Beobachter hätte nun mit einem starken Anstieg der Inflation in diesen Staaten gerechnet, denn wie schon Jaques Rueff sagte: „Inflation ist die Subventionierung von Ausgaben, die keine Erträge einbringen, mit Geld, das nicht existiert.“ Genau das ist es, was die Zentralbanken tun.

Doch nichts ist passiert.

Der amerikanische BIP-Deflator (ein Preisindex) ist während der gesamten Zeit artig um 1,5 % pro Jahr gestiegen, was Beobachter mit monetärem Fokus (wie mich) etwas perplex zurückgelassen hat, während es bei den Keynesianern selbstverständlich für Enthusiasmus sorgte. Letztere erklären nun pausenlos, dass wir bis zum Umfallen Geld drucken können, um auch noch die abwegigsten Staatsausgaben zu finanzieren, ohne dass dies auch nur die geringsten Auswirkungen auf das Preisniveau hätte.

Keynes hatte also recht und Milton Friedman unrecht.

Doch das ist vielleicht etwas zu voreilig geschlussfolgert.

  • Erstens konnten wir in den USA und im Rest der Welt eine beeindruckende Inflation der Assetpreise beobachten, insbesondere bei den Immobilienpreisen in Großstädten und bei den Börsenkursen erfolgreicher Unternehmen. Wer einer jungen Familie auf Wohnungssuche erklären will, dass es auf dem Immobilienmarkt keine Inflation gab, zeigt damit nur, dass er auf die reale Welt pfeift. Diese Teuerung wurde in den Inflationsindices nicht einkalkuliert, aber sie ist nur allzu real!

  • Zweitens ist der Ölpreis zwischen 2008 und 2020 abgestürzt, von einem Hoch bei 130 $ je Barrel bis auf einen negativen Preis beim absoluten Tiefststand, was sich sehr positiv auf die Verbraucherpreisindices auswirkte. Doch damit ist es vorbei, seit das Barrel wieder bei mehr als 70 $ notiert.

  • Drittens schritt die Globalisierung mit Vollgas voran, was es Europa und den USA ermöglichte in Asien günstig einzukaufen, wo es noch keine Inflation gab.

Damit ist es nun vorbei und es scheint, als hätte eine Periode der dauerhaften Inflation begonnen. Dies wird durch die folgende Grafik bestätigt, die allerdings einiger Erklärungen bedarf:

 


 

  • Dort, wo die Grafik blau hinterlegt ist, bin ich sicher, dass die Inflationsrate statistisch betrachtet seit mindestens einem Jahr zunimmt. Das ist seit Januar 2021 der Fall.

  • Beim US-Verbraucherpreisindex wurde innerhalb der letzten 12 Monate eine Erhöhung von 5,37 % gemessen, der höchste Wert seit 1990. Der Index für Großhandelspreise wurde am Freitag veröffentlicht und verzeichnet ein Plus von 8,3 %, was für künftige Verbraucherpreisdaten nichts Gutes verheißt.

  • Der Preisindex für die „Gelbwesten“ deckt lediglich Lebensmittel, Mietkosten und Energiekosten ab, die bei den ärmsten Haushalten fast 100 % der Ausgaben ausmachen. Hier ist ein Anstieg von fast 10 % innerhalb der letzten 12 Monate festzustellen, was bedeutet, dass die Ärmsten überall auf der Welt die größte Ohrfeige bekommen. Dies wird zu einem hitzigen Sommer in Südeuropa und zu politischen Unruhen führen, insbesondere in Afrika. Die Migrationsbewegungen werden zunehmen, so viel ist sicher.

  • Die Corona-Krise und der neue Kalte Krieg zwischen China und den Vereinigten Staaten haben in zahlreichen Industriesektoren zu Produktionsstillständen geführt, da bestimmte Einzelteile in verschiedenen Regionen der Welt knapp waren. Wenn Sie einen Ford, Toyota oder Peugeot bestellt haben, können Sie sich glücklich schätzen, wenn Ihr neues Auto in weniger als 15 Monaten geliefert wird. Das gilt für die meisten Produkte. Diejenigen, die noch produzieren können oder Lagerbestände haben, erhöhen infolgedessen ihre Preise, was ganz normal ist.

  • Außerdem kann China, die Fabrik der Welt, seine Exportpreise in aller Ruhe kontrollieren, indem es geschickt sein Angebot verringert. Diejenigen, die nicht bezahlen können oder wollen, oder auch diejenigen, deren Regierungen das Missfallen der Kommunistischen Partei Chinas erregt haben, erhalten keinen Zugang zu den Bauteilen, die sie benötigen, und bleiben daher geschlossen. So verringert sich die absolute Menge der Produkte, während das Geldangebot zunimmt, was im Allgemeinen zu einer Preiserhöhung führt.
     
  • In den USA und in Europa ist ein interessantes Phänomen zu beobachten, auf das ich mit Sicherheit bei anderer Gelegenheit noch ausführlicher eingehen werde. Seit dem Beginn der Corona-Krise haben viele Personen staatliche Unterstützungen und wie auch immer geartete Ersatzleistungen bezogen, die in der Summe höher waren als das Gehalt, das sie zuvor verdienten. Aus diesem Grund sind sie nun nicht mehr auf Arbeitssuche. Die Arbeitgeber sehen sich daher gezwungen, die Löhne zu erhöhen, um sie zu einer Rückkehr an den Arbeitsplatz zu bewegen und/oder diejenigen Angestellten zu behalten, die durchaus arbeiten wollen. Infolgedessen werden sie auch ihre Preise erhöhen, um ihre Gewinnmarge nicht zu gefährden…

  • Eine Reihe neuer Reglementierungen in allen Bereichen macht den Transport von Personen und Gütern deutlich schwieriger als zuvor. Diese Kostenerhöhung wird sich auch auf die Preisindices auswirken, dessen können Sie sich sicher sein.

  • Die Narrheiten unserer grünen Freunde, sowie die Steuern und Regulierungen, mit denen sie die fossilen Energieträger belegt haben (Kohlenstoffsteuer etc.), führten dazu, dass seit Jahren niemand mehr in die Erkundung von Gas- und Ölquellen investiert hat und die Energieknappheit sich nun bemerkbar macht. Der Benzinpreis und vor allem die Erdgaspreise explodieren gleichzeitig mit den Strompreisen, mit denen sie um die Wette steigen, um Windkraftanlagen und Solarpanels zu finanzieren. Für die Gelbwesten auf der ganzen Welt wird das nicht ohne Folgen bleiben.

 

 

Wie ich unermüdlich erkläre, glauben die Keynesianer, dass es einer „Euthanasie des Rentiers“ bedarf, damit die Wirtschaft gut funktioniert, d. h. dass man die Sparer ruinieren müsse. Mit nominalen Zinsen von 1,35 % und einer Inflation von 5,37 %, woraus sich Realzinsen in Höhe von -4,02 % ergeben, befinden wir uns auf einem guten Weg, dies umzusetzen. Das Problem: Wenn Sie einem Sparer garantieren, dass er jedes Jahr 4 % seines Kapitals verlieren wird, hört er entweder auf zu sparen oder spart woanders und die nationale Sparquote bricht drastisch ein. Und da Ersparnisse langfristig immer mit Investitionen gleichzusetzen sind, werden auch die Investitionen in sich zusammenfallen, und mit ihnen zuerst die Produktivität und das Wirtschaftswachstum und schließlich auch der Lebensstandard der Bevölkerung und die Chancen der Demokraten auf Wiederwahl im nächsten Jahr.

Mr. Biden und die amerikanische Zentralbank befinden sich in einer unmöglichen Situation:

  • Wenn sie die Zinssätze nicht anheben und weiter Geld drucken, wird die Inflation wirklich in die Höhe schießen (wie in den 1970-er Jahren), während sich der Ölpreis verdoppelt oder verdreifacht und der Dollar abstürzt. Dann werden wir in einem Jahr die triumphale Rückkehr von Mr. Trump und seiner Entourage erleben. Das könnte man in Anlehnung an den unglücklichen US-Präsidenten der 1970-er Jahre die „Carter-Lösung“ nennen.

  • Wenn sie die Zinsen erhöhen und das Gelddrucken einstellen, wird die Finanzierung des Haushaltsdefizits und der in der Vergangenheit ausgegebenen Schulden unmöglich. Infolgedessen werden die Aktienmärkte, aber vor allem auch die Anleihemärkte und der Immobiliensektor einbrechen. In Anlehnung an den Vorsitzenden der Fed von 1977 bis 1987, der damals wusste, was zu tun war, um die Glaubwürdigkeit der US-Währung wiederherzustellen, könnte man dies als „Volcker-Lösung“ bezeichnen.

Das Ärgerliche daran ist, dass der Schuldenbestand, der refinanziert werden muss, seit 2007 dermaßen angewachsen ist, dass jede Zinserhöhung umgehend zuerst eine Finanzkatastrophe und anschließend eine Wirtschaftskatastrophe in den Vereinigten Staaten auslösen würde.

Die Regierung von Joe Biden befindet sich in einer Situation, die schnell äußerst kompliziert werden könnte. Solange die Fed die Märkte glauben machen konnte, dass es keine Inflation gäbe, lief alles gut und die Notenbank konnte ihre außerordentlich niedrigen Zinssätze beibehalten und die Illusion so lange Zeit aufrechterhalten.

Angesichts einer deutlich nach oben ausbrechenden Inflationsrate steht diese Lösung heute nicht mehr zur Verfügung und man wird entweder einen Einbruch des Dollars akzeptieren müssen – und damit ein drastisches Absinken des Lebensstandards der Amerikaner, die ihre Importe nicht mehr bezahlen können – oder man muss, um den Dollar zu retten, die Zinsen erhöhen und die Preise der US-Assets abstürzen lassen, damit Ausländer sie günstig einkaufen können.

In Anbetracht dieses Dilemmas gibt es jemanden, der zufrieden sein dürfte, dass er bei der letzten Präsidentschaftswahl nicht wiedergewählt wurde: Mr. Trump, dessen Anhänger nicht nur den Demokraten, sondern auch seinen ewigen Feinden unter den Republikanern, den sogenannten „RINO“ oder Republicans in name only, hart zusetzen könnten. Bei den Wahlen im November nächsten Jahres könnte er den Jackpot gewinnen…

Die nächsten 12 Monate werden voraussichtlich sehr hart für Mr. Biden.

Das scheinen recht düstere Aussichten zu sein. Um den Leser nicht völlig zu entmutigen, muss ich wohl noch eine dritte Lösung erwähnen.

Die USA besitzen offiziellen Angaben zufolge die größten Goldbestände der Welt. Sie könnten sich entschließen, den Dollar gegenüber Gold massiv abzuwerten (es wäre ein Goldpreis von mindestens 5.000 $ je Unze nötig, damit das Verhältnis zwischen Staatsschulden und Goldreserven wieder den Wert von 1950 erreicht… ich würde für 10.000 $ plädieren, um auf der sicheren Seite zu sein), um die US-Schulden in Schulden umzuwandeln, die mit Gold zurückgezahlt werden können, die US-Geldmenge an die Goldreserven des Landes zu binden, die Fed und alle anderen Zentralbanken zu schließen und auf diese Weise zum Goldstandard zurückzukehren. So ließe sich dauerhaft eine äußerst niedrige Inflationsrate oder gar eine Deflation erzielen und die Bedienung der in der Vergangenheit aufgenommen Schulden würde erleichtert, da der kurzfristige Zinssatz bei fast null läge.

Es ist wahrscheinlich, dass die Vereinigten Staaten dies letzten Endes tun werden, denn wie bereits Churchill sagte, finden die USA immer eine gute Lösung, nachdem sie zuvor alle schlechten ausprobiert haben. Wir nähern uns mit vollem Tempo dem Ende der Papierwährungen. Nicht weil sie eine schlechte Idee wären, sondern weil unsere Regierungen und Politiker bewiesen haben, dass sie nicht damit umgehen können. In jedem Fall bereitet sich China auf dieses Szenario vor, seit mindestens 2007.