Letzte Woche hatte ich versprochen, die monetäre Situation in der Eurozone zu analysieren, die in eine erneute Krise zu schlittern scheint.

Um mein Versprechen zu halten, werde ich mit einer Grafik beginnen, die die Differenz zwischen den Renditen der 10-jährigen Staatsanleihen Italiens und Deutschlands zeigt.

 

 

Die Regel ist einfach: Wenn die schwarze Linie (Zinsdifferenz) über die blaue Linie klettert (12-monatiger gleitender Durchschnitt der Zinsdifferenz), bedeutet das, dass wir uns in der Eurozone auf eine neue Finanzkrise gefasst machen müssen, und dass diese so lange andauern wird, bis die Spreads sich wieder entspannen und erneut unter den gleitenden Durchschnitt sinken.

Solange die Zinsdifferenz über dem gleitenden Durchschnitt liegt, sollte man mit Blick auf die europäischen Aktien größte Vorsicht walten lassen. Gleiches gilt mit Ausnahme der deutschen Bundesanleihen für Staatsanleihen innerhalb der Eurozone.

Um der Erinnerung auf die Sprünge zu helfen, habe ich die vier großen Krisen, die den europäischen Wirtschaftsraum seit 2006 erschüttert haben, in die Grafik eingetragen.

Wir haben nun womöglich den Beginn einer fünften Krise erlebt, die aber völlig neuartig sein wird.

Alle früheren Krisen hatten ihren Ursprung in Italien, Griechenland, Spanien, Frankreich, was nicht von großer Bedeutung war, da die Deutschen durchaus bereit waren, bis zum letzten Italiener, Griechen oder Franzosen zu kämpfen. Die Wirtschaft der wichtigsten Konkurrenten der Bundesrepublik zu ruinieren hat die deutschen Regierungen noch nie sonderlich gestört.

Doch dieses Mal bedroht die Krise das Herz des Systems, Deutschland selbst, und man wird bis zum letzten Deutschen kämpfen müssen. Die arme französische, italienische oder spanische Volkswirtschaft wird dabei vielleicht vollends zugrunde gerichtet (die griechische Wirtschaft ist längst erledigt). Dieses Mal trifft die Krise Deutschland, und es handelt sich nicht um eine Solvenzkrise, sondern um eine Inflationskrise, wie meine zweite Grafik zeigt.

Der Ursprung dieser Krise liegt selbstverständlich im zügellosen Gelddrucken, welches in der Eurozone seit 2012 und dem berühmten Ausspruch „whatever it takes“ des nicht minder berühmten Herrn Draghi betrieben wird, der jetzt das Amt des Premierministers in Italien innehat.

 

 

Deutschland leidet unter einer doppelten Krise:

  1. Die Inflation liegt bei rund 5 % jährlich. Das hatte es seit der Wiedervereinigung und dem Umtausch der Ostmark in D-Mark nicht mehr gegeben. Doch damals betrugen die kurzfristigen Zinsen in Deutschland 9,3 %, was den Ausstieg des britischen Pfunds, der italienischen Lira und der schwedischen Krone aus dem Europäischen Währungssystem (EWS) zur Folge hatte. Und jeder weiß, dass eine Inflationsrate oberhalb von 2 % für die deutsche Öffentlichkeit und das, was von der Bundesbank heute noch bleibt, völlig inakzeptabel ist. Heute liegen die kurz- und die langfristigen Zinsen bei null und die Bundesbank hat jegliche Macht verloren. Das führt uns zum zweiten Problem (siehe Grafik unten).
  2. Die reale Rendite 10-jähriger Bundesanleihen liegt bei -4,92 %, was bedeutet, dass die deutschen Rentenfonds, die massiv in diese Papiere investiert sind, zu einer deutlichen Senkung der Renten gezwungen sein werden, da sie angesichts der negativen Erträge nicht im Stande sein werden, die Renten auszuzahlen. Solange die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe bei null bleibt, nimmt der Lebensstandard der Deutschen im Ruhestand kontinuierlich ab (verkaufen Sie Ihr Haus auf den Balearen…) Der Bundesbankvorsitzende Jens Weidmann war sich dieser Tatsache mit Sicherheit bewusst und wollte nicht für dieses Desaster verantwortlich gemacht werden, und hat folglich zum 31. Dezember 2021 seine Kündigung eingereicht.

Es gibt jetzt nur drei Möglichkeiten:

  1. Die Inflation nimmt in Deutschland in den kommenden Wochen wieder ab.
  2. Die Zinsen steigen in Deutschland in den kommenden Monaten deutlich, um die Rentenkassen zu retten, was aber gleichzeitig den Euro zum Untergang verurteilen würde.
  3. Man entscheidet sich gegen höhere Zinsen in Deutschland, um den Euro zu retten. In diesem Moment wird den Inhabern der Bundesanleihen bewusst, dass die EZB sie ruinieren will, und sie verkaufen die Anleihen. Infolgedessen bricht der Eurokurs ein, die langfristigen Zinsen steigen und schließlich kommt es zum Ende des Euros.

Beginnen wir mit Hypothese Nr. 1, einem Rückgang der Inflation in Deutschland, und analysieren wir die folgende Grafik.

 

 

Damit die Inflation wieder sinkt, bräuchte es gleichzeitig eine Rezession (grau hinterlegte Abschnitte) und einen Rückgang des Ölpreises (d. h. ein Abfallen der blauen Linie unter null, rechte Skala). Das ist nun eine Konstellation, die mir völlig ausgeschlossen erscheint (siehe auch meinen kürzlich erschienenen Artikel zur weltweiten Energiesituation). Zudem scheinen die USA verhindern zu wollen, dass die Deutschen billige russische Energie kaufen.

Kommen wir schließlich zur vierten und letzten Grafik, die die Finanzlage in Frankreich und Italien zeigt (ich verzichte auf Spanien, wo die Situation ähnlich ist): Jeder Zinsanstieg würde Frankreich, Spanien und Italien dazu verdammen, in eine sogenannte Schuldenfalle zu schlittern, d. h. eine Situation, in der die Verschuldung viel schneller steigt als das BIP. Das nimmt immer ein böses Ende.

 

 

Stellen wir uns vor, die EZB würde den Leitzins von 0 % auf 2 % anheben, was noch immer ungenügend wäre. Deutschland könnte diese Erhöhung problemlos schultern, aber nicht Frankreich oder Italien. Die Rendite der 10-jährigen italienischen Staatsanleihe würde von 1,63 % auf 3,63 % steigen (unter der Annahme, dass die Spreads nicht steigen, was sie aber tun werden). Nun lag aber das Wirtschaftswachstum Italiens seit 2010 nicht mehr bei über 2 % pro Jahr. Italien würde also zu 3,63 % Geld leihen und es bestenfalls für 2 % investieren, und seine Schuldenquote würde sich von 156 % auf 158 %, dann auf 160 % etc. erhöhen, jedes Jahr ein bisschen mehr. Gleiches gilt für Frankreich und Spanien. Die drei Staaten würden sich in der gleichen Situation wiederfinden wie Griechenland 2009.

Es ist daher völlig offensichtlich, dass die EZB ihre Zinsen nicht anheben kann.

Bleibt also die dritte Lösung, von der alle viel reden: Die EZB tut nichts, der Euro schmiert ab, und in Deutschland steigen die Preise weiter. Ärgerlich ist nur, dass die meisten Zentralbanken und großen Finanzinstitute einen beachtlichen Anteil ihrer Reserven in Bundesanleihen halten, die sie in diesem Fall so schnell wie möglich verkaufen wollen. Folglich werden die langfristigen Zinsen in Deutschland stark steigen, selbst wenn sich die kurzfristigen Zinsen kaum bewegen, was uns wieder zu dem zuvor erwähnten Problem bringt. In Italien, Frankreich und Spanien werden die Haushaltsdefizite explodieren und die Staaten werden in die tödliche Schuldenfalle tappen. Die einzige Lösung für diese Länder wäre eine kurzfristige Finanzierung (drei Monate) über die EZB, was noch mehr Öl ins Feuer der Inflation gießen und sie gegenüber einem späteren Zinsanstieg noch empfindlicher machen würde.

Schlussfolgerung

Frage: Wie wird das alles enden?

Antwort: Ich habe nicht die geringste Idee.

Wir sehen uns mit dem berühmten Logikproblem konfrontiert: Was geschieht, wenn ein unveränderliches Objekt (der Willen, den Euro um jeden Preis zu behalten) mit einer unaufhaltsamen Kraft zusammentrifft (die wirtschaftliche Realität)?

Eines von beiden ist mit Sicherheit nicht unveränderlich oder unaufhaltsam.

Historisch betrachtet sind politische Projekte keineswegs völlig unveränderlich (das war die fatale Annahme von Hayek), aber wie wir am Beispiel der Sowjetunion sehen konnten, kann die Rückkehr zur Realität sehr schmerzhaft sein.

Ich ziehe es vor, die Auflösung aus sicherer Entfernung abzuwarten, mit einem Polster aus chinesischen Anleihen und Gold, um zu verhindern, dass ich mich ruiniere, während ich darauf warte, dass die Eurozone für meine Ersparnisse wieder gastlicher wird.

Am meisten überrascht mich jedoch, dass in Frankreich niemand darüber spricht, obwohl wir uns mitten im Wahlkampf befinden.

Seltsames Land.


Originalquelle: Institut Des Libertés