Der in der Ukraine begonnene Krieg hat alles verändert.

Innerhalb weniger Tage hat der Konflikt bereits die Weltordnung umgekrempelt, die wir seit dem Ende der Sowjetzeit kannten, sowohl in wirtschaftlicher und finanzieller als auch geopolitischer Sicht. Ich werde geopolitische Analysen anderen, kompetenteren Beobachtern überlassen und mich stattdessen auf die Folgen des Krieges für unser bevorzugtes Untersuchungsobjekt, den Gold- und Edelmetallmarkt, konzentrieren.

Es ist eine schwierige Aufgabe: Wie soll man über diese Ereignisse berichten, wenn sich in Kiew gleichzeitig eine humanitäre Katastrophe abzeichnet? Wozu die aktuelle Entwicklung des Goldkurses verfolgen, wenn die Bedrohung eines dritten Weltkriegs jeden Tag greifbarer scheint?

Versuchen wir, uns allein auf die Fakten zu fokussieren, die für das Thema dieses Artikels von Bedeutung sind. Inwiefern hat der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine die von uns beobachteten Märkte in Aufruhr gebracht?

Die Exporte Russlands und der Ukraine sind plötzlich zum Stillstand gekommen. Obwohl das SWIFT-System für den Kauf von russischem Gas nicht vollständig blockiert wurde, machen die Risiken in Verbindung mit den Beschränkungen, die den russischen Akteuren auferlegt wurden, die Geschäfte so gut wie unmöglich. Russische Handelspartner müssen ihre Kollaborationen von heute auf morgen beenden, ohne zu wissen, ob sie für laufende Projekte noch bezahlt werden. Russische Assets sind eingefroren, auch bei Finanzinstituten in neutralen Staaten. Gleiches gilt für Reserven der russischen Zentralbank in Yen, Euro und Dollar. Angesichts dieser Armada an Sanktionen bleiben Russland nur seine Goldreserven zur Stützung der Währung. Das Land wird ein anderes Zahlungssystem aufbauen und mit einer sehr begrenzten Zahl an Handelspartnern zurechtkommen müssen, um seine Exporte fortzusetzen. Alle Russen, die irgendeinen Berührungspunkt mit dem internationalen Finanzsystem haben, sind betroffen. Die Sanktionen haben ein erstes Opfer gefordert: Die Marktkapitalisierung der Sberbank, die der russischen Führungselite sehr nahesteht, ist innerhalb von nicht einmal einer Woche um 90 % eingebrochen!

 

 

Es bleibt abzuwarten, welchen Folgen dieser Absturz der größten russischen Bank auf den europäischen Bankensektor haben wird. Diesen gilt es in den nächsten Tagen im Auge zu behalten.

Die russischen Banken wurden unilateral vom internationalen Handel ausgeschlossen, u. a. auch von der Teilnahme am Londoner Goldmarkt.

Die Bank VTB wurde von der Mitgliederliste der LBMA gestrichen. Folglich schneidet sich der Londoner Markt von allen Transaktionen mit Russland und seinen Partnern ab.

Die Blockade der russischen Wirtschaft und der ukrainischen Exporte führt bereits zu starken Spannungen im Rohstoffsektor, insbesondere bei den Agrarrohstoffen (vor allem Dünger und Getreide).

Die Blockade fällt mit einer angespannten Lage hinsichtlich der vorhandenen Rohstoffbestände zusammen. Das gilt umso mehr für den Rohölmarkt. Der aktuelle Preis pro Barrel liegt unter dem Niveau, das er angesichts der noch verfügbaren Bestände haben sollte. Seit Juli 2020 haben sich die weltweiten Reserven um 660 Millionen Barrel verringert. Noch nie zuvor wurde ein so schneller Rückgang beobachtet.

Auch am Kohlemarkt ist das gleiche Muster sichtbar. Die Akkreditive der chinesischen Importeure können nicht mehr in Dollar ausgestellt werden. Sie müssen daher dringend eine andere Lösung finden, um ihre Bestellungen aufgeben zu können. In der Zwischenzeit bleibt der Hahn fest zugedreht. Russische Kohlelieferungen sind jedoch unverzichtbar für die chinesische Energieerzeugung.

Die Blockade ist außerdem vor dem Hintergrund stetig steigender Spannungen im internationalen Handel zu sehen.

Diese Woche erklärte China, dass der Arbeitskräftemangel und die erhöhten Rohstoffpreise die Kapazität der kleinen und mittleren Unternehmen des Landes zur Erfüllung von Aufträgen aus dem Ausland einschränken.

China schafft es nicht mehr, mit der amerikanischen Nachfrage mitzuhalten, die trotz der Preiserhöhungen weiter zunimmt. Die letzten Wirtschaftserhebungen unterstreichen diesen Run der Verbraucher auf grundlegende Konsumgüter in Erwartung der Inflation.

 

 

Je mehr sich die Verbraucher der Inflation bewusst werden, desto stärker erhöht sich die Nachfrage. Diese Wiederbelebung des Konsums stützt die amerikanische Wirtschaft. Der ISM-Dienstleistungsindex legt im Februar zu und steigt von 51,2 Punkten im Januar auf nunmehr 56,7 Punkte.

Gleichzeitig wächst das Handelsdefizit der USA immer weiter.

Ein Artikel des California Globe erklärt, warum die kalifornischen Exporteure nicht in der Lage sind, die Frachtschiffe nach China zu nutzen: Für die Transportunternehmen ist es rentabler, chinesische Waren zu liefern und leer zurückzufahren, um eine neue Ladung abzuholen, als auf eine Beladung in Kalifornien zu warten. Das ist die Folge der künstlich unterstützten Nachfrage in Verbindung mit den logistischen Problemen der kalifornischen Häfen.

Das amerikanische Haushaltsdefizit ist auf dem Weg zu neuen Rekordständen. 2021 entsprach es bereits 40 % der US-Ausgaben, obwohl die Steuereinnahmen höher sind als je zuvor.

 

 

Wenn das so weitergeht, werden die USA 2022 doppelt so viel ausgeben, wie sie einnehmen. Da die amerikanische Notenbank beschlossen hat, keine Staatsanleihen mehr aufzukaufen, um gegen die Inflation zu kämpfen, wird man nun anderswo eine ausreichende Nachfrage an den Märkten finden müssen, um diese neue Schuldenlawine zu absorbieren. Unter diesen Bedingungen muss der Dollar unbedingt die Währung des internationalen Handels bleiben. Ohne die Beibehaltung dieses Status kann das amerikanische Haushaltsdefizit nicht finanziert werden!

Der Krieg in der Ukraine ist nun dabei, alles durcheinanderzuwerfen. Mit dem Ausschluss Russlands aus dem internationalen Zahlungssystem, wird sich der Einfluss des Dollars auf den Handel verringern. Die Staaten, die trotz des Embargos weiter Handel mit Russland treiben, werden auf alternative Währungen zurückgreifen, beispielsweise auf Kontrakte für den Tausch von Öl gegen Gold. Ein Rückgang der Nachfrage nach Dollars könnte die internationalen Devisenreserven schwächen und den Verkauf von US-Treasuries durch Banken in Asien und im Nahen Osten beschleunigen. Letztere werden versuchen, sich vor der sinkenden Nachfrage nach dem Dollar zu schützen, die auch mit einem Wertverfall der Währung einhergehen wird: Die Inflation infolge des beschränkten Rohstoffangebots lässt den Wert der Währung automatisch sinken.

Dieses Risiko für den Dollar muss für den weiteren Kriegsverlauf berücksichtigt werden. Die Vereinigten Staaten und die restlichen Länder der westlichen Welt haben kein Interesse an einer langfristigen Blockade. Das wird womöglich noch deutlicher, wenn dem Westen klar wird, dass Russland auf die Fortsetzung der Blockade abzielt, weil das Land in dieser Hinsicht selbst nichts mehr zu verlieren hat. Das ist das Paradoxe an den beschlossenen Sanktionen: Auf kurze Sicht richten sie in Russland großen wirtschaftlichen Schaden an, doch je länger sie andauern, desto stärker bedrohen sie unsere westlichen Volkswirtschaften, da sie der Neuorganisierung des internationalen Handels unter Ausschluss des Dollars Vorschub leisten.

Der Dollar könnte auch unter einem deutlicheren Abschwung der amerikanischen Wirtschaft leiden, vor allem infolge der schnellen Eskalation des Konflikts. Im Gegensatz zu anderen Konflikten der Nachkriegszeit scheint dieser die Ansichten des Westens direkter zu treffen. Die wirtschaftlichen Folgen werden leider spürbar sein.

Druck auf den Dollar… und erneuter Rückgang der Realzinsen. Der Krieg definiert die kurzfristige Geldpolitik der Fed neu. Die Märkte, die zuvor einen schnelleren und stärkeren Anstieg der US-Zinsen vorhergesagt hatten, rudern nun zurück: Die 10-jährige US-Staatsanleihe beginnt erneut zu steigen und infolgedessen sinken die Realzinsen, während die Inflation weiterhin auf einem stark erhöhten Niveau liegt.

Angst um den Dollar und sinkende Realzinsen: Der Krieg hat die beiden Hauptmotoren für eine Goldhausse wieder in Gang gesetzt.

Der Goldpreis profitiert logischerweise von der neuen Situation, aber die Nachfrage konzentriert sich nunmehr auf neue Anlageformen. Die Leichtigkeit, mit der die Metallkonten der russischen Oligarchen weltweit konfisziert wurden, könnte dazu führen, dass sich die Nachfrage nach physischem Gold deutlich erhöht. Gold in einer Institution zu halten, die die Assets von heute auf morgen mit einem Mausklick konfiszieren kann, ist nicht das, was man sich unter einer finanziellen Absicherung vorstellt. Unter diesen Umständen ist anzunehmen, dass es zu einer substanziellen Zunahme der physischen Goldkäufe seitens der Kunden kommt, die sich aus alten Verträgen befreien wollen, für die dieser Krieg nun ein neues Gegenparteirisiko aufgedeckt hat.

Die zunehmende physische Nachfrage lässt sich bei den amerikanischen Händlern sowie anhand der vermehrten Lieferanfragen an der COMEX bereits messen. Am Silbermarkt übersteigt die Metallmenge, die im laufenden Monat geliefert werden soll, die offiziell verfügbaren Reserven (in der Kategorie „Registered“). In den ersten Tagen beobachten wir, dass die Auslieferung langsamer erfolgt als normalerweise, da die verfügbaren Metallmengen erneut begrenzt sind. Diese Situation gab es bereits in der Vergangenheit, doch nur weil wir einen theoretischen Mangel feststellen, heißt das noch lange nicht, dass die COMEX keine Wege findet, ihre Lieferverpflichtungen zu erfüllen. Einige werden zweifellos in bar abgewickelt oder ganz einfach verschoben werden. Doch die Spannungen an der COMEX lassen den Druck auf die physische Nachfrage in den nächsten Liefermonaten weiter steigen.

Die Short-Positionen am Terminmarkt werden immer riskanter und das ist deutlich zu erkennen, insbesondere auch an der Art, wie der Silberkontrakt gehandelt wird. Der Silberkurs wird fest unter der Obergrenze seiner Konsolidierung gehalten – wahrscheinlich, um die Positionen der Verkäufer am Terminmarkt zu erhalten, die sich einem immer größeren Short-Squeeze-Risiko aussetzen, je weiter die physischen Metallbestände schwinden.