Der Silberpreis hat soeben eine symbolische Schwelle überschritten und notiert zum ersten Mal in der Geschichte bei mehr als 60 bis 61 Dollar pro Unze, nachdem er seit Anfang 2025 um 100 bis 110 % gestiegen ist. Das ist die beste Performance des weißen Metalls seit dem verrückten Jahr 1979.

 

Silberpreis in USD, Tageschart

 

Die Entwicklung scheint kurzfristig „explosiv“ zu sein, ist jedoch Teil einer Dynamik, die wir bereits seit mehreren Jahren auf Goldbroker.com Schritt für Schritt mitverfolgen:

Schon am 13. Dezember 2024 schrieb ich, dass die steigenden Aufschläge auf EFP-Kontrakte (Exchange for Physical) für den Liefermonat März auf eine ungewöhnliche Spannung zwischen der COMEX und dem physischen Markt in London hindeute. Ich erinnerte daran, dass dieser Spread, der eigentlich nur die Lager- und Finanzierungskosten widerspiegeln sollte, auf über einen Dollar pro Unze gestiegen war und die Bullionbanken, die strukturell Short-Positionen auf diese EFP halten, unter Druck setzte. Ich wies zudem auf ein Risiko hin, dass damals weitgehend unbemerkt blieb: die von der Trump-Regierung angekündigten Zölle auf Metallimporte (einschließlich Silberbarren aus China) könnten die Logistik der physischen Lieferung zum Erliegen bringen, während die Silbernachfrage der Solarbranche und sowie die physische Goldnachfrage seitens der Zentralbanken gleichzeitig explodierte. Die westlichen Investoren blieben indes noch völlig gleichgültig. Alle Voraussetzungen waren bereits gegeben: eine geschwächte Lieferkette, ein überdimensionierter Papiermarkt, sowie wachsende physische Defizite.

Am 20. März 2025 hatte Silber gerade einen 12-jährigen Trend beendet und begann, die Performance des berühmten 60/40-Portfolio zu übertreffen, so wie es Gold im Jahr 2024 getan hatte. Ich schrieb damals, dass der eigentliche Umbruch nicht durch einen „Trade” kommen würde, sondern durch einen allmählichen Vertrauensverlust in den Papiermarkt. Das Tandem COMEX/LBMA tendierte zunehmend zu Barausgleichen anstelle von physischen Metalllieferungen, EFPs führten nicht mehr systematisch zu Lieferungen, und die physischen Defizite häuften sich: mehr als 230 Millionen Unzen im Jahr 2022, etwa 260 Millionen im Jahr 2023, nach Angaben des Silver Institute.

Die Lagerbestände in London gingen zurück, der „Free Float“ der LBMA fiel unter eine kritische Schwelle, und die 3-Monats-Leasingraten überschritten Niveaus, die historisch gesehen immer mit einem Kursanstieg von 20 bis 50 % innerhalb von 6 bis 12 Monaten einhergingen. Ich beschrieb damals einen auf der Hebelwirkung von Papierkontrakten basierten Preisfindungsmechanismus, der zunehmend vom physischen Markt und der realen Nachfrage abgekoppelt und anfällig für den geringsten Vertrauensverlust war.

Als ich am 18. Juli 2025 von einem Silbermarkt „in Aufruhr“ sprach, befanden wir uns bereits mitten im aktuellen Kampf. Innerhalb einer Stunde wurden 483 Millionen Unzen an der COMEX leerverkauft, um einen Ausbruch des Kurses über 37,50 $ zu verhindern - ein Manöver, das fehlschlug. Die Shortseller saßen in der Falle und mussten Verluste verbuchen, während die physischen Lieferungen zunahmen und EFP-Kontrakte plötzlich sehr kostspielig wurden. Gleichzeitig verschärften die Vereinigten Staaten ihre Richtlinien mit Blick auf die Ressourcensouveränität, indem sie Strafzölle auf importiertes Kupfer verhängten und de facto signalisierten, dass bestimmte Metalle – darunter Silber – nach und nach als strategische Ressourcen behandelt werden würden.

Die steigenden Aufschläge in New York, rückläufige Lagerbestände, die Zuflüsse der Silber-ETFs und das bereits seit fünf Jahren bestehende, strukturelle Defizit am Markt zeichneten die heutige Situation vor: einen Markt, an dem die Finanzwelt versucht, eine durch die physische Realität erzwungene Neubewertung zu bremsen.

Am 17. Oktober 2025 beschrieb ich die „Verwerfungen” am Silbermarkt. Zum ersten Mal seit 1980 lag der Spotpreis dauerhaft über dem Terminkurs, die Kurve kippte in eine starke Backwardation, die Kosten für das Ausleihen von Metall in London schossen in die Höhe und der physische Interbankenmarkt fror ein. In demselben Beitrag habe ich diese Marktlage mit der Situation in den USA in Verbindung gebracht, wo Haushalts- und Budgetsorgen nun die Geldpolitik beherrschen, das Finanzministerium sich mit Mühe von einer Anleiheemission zu nächsten hangelt und „fiskalische QE” unumgänglich werden. In diesem Zusammenhang habe ich darauf hingewiesen, dass physische Metalle dieser allgemeinen Manipulation der Risikoaufschläge entgehen. Silber begann damals, seine Rolle als Kanarienvogel in der Mine zu erfüllen: Während Aktienindizes durch Derivate gestützt werden können und Bitcoin auf synthetischer Liquidität basiert, verwies der Silbermarkt brutal auf reale Knappheiten.

Die in den letzten Wochen beobachtete Entwicklung kommt also keineswegs aus dem Nichts. Sie ist das Ergebnis von Trends, die wir seit langem beschreiben, kombiniert mit einer Reihe sehr konkreter Katalysatoren. Der Rückgang der Lagerbestände in Shanghai auf ein fast 9-Jahres-Tief vor dem Hintergrund massiver chinesischer Silberausfuhren nach London trocknet einen der wichtigsten globalen Handelsplätze aus und sorgt gleichzeitig für Spannungen am inländischen Markt.

 

Silberbestände der Shanghai Futures Exchange

 

Mit Blick auf die Liquidität ist die Lage in London bereits angespannt: Die Leasingraten bleiben hoch, die Leihkosten steigen weiter an und bestätigen damit die Warnsignale, die bereits 2024-2025 in Studien von TD Securities zu Phasen extremer Marktspannungen identifiziert wurden. Gleichzeitig wurden erhebliche Mengen an Metall in die Vereinigten Staaten umgelenkt. Dort führen die Einstufung von Silber als „kritisches Mineral” und die Aussicht auf neue Zölle unter Trump dazu, dass Industrie und Investoren ihre Versorgung im Vorfeld sichern.

Zu dieser geografischen Umstrukturierung gesellt sich ein regelrechter Nachfrageschock hinzu. In Indien nehmen die Silberkäufe zu, sowohl als Sparanlage als auch als Sicherheit für bestimmte Kreditformen, was den Druck auf den physischen Markt verstärkt. Die Silber-ETFs verzeichnen nun seit Monaten positive Zuflüsse und der zehnte monatliche Anstieg in Folge zeichnet sich bereits ab, während das Volumen der Call-Optionen auf den größten ETF (SLV) explodiert ist – ein Zeichen dafür, dass die lange Zeit abwesenden westliche Privatanleger endlich beginnen, sich neu zu positionieren. Vor diesem Hintergrund bereitet die Fed, die in einer Situation fiskalischer Vorherrschaft gefangen ist, eine weitere Zinssenkung vor, um das mit Schulden überfrachtete System zu entlasten: Allein die Erwartung dieser Kehrtwende erhöht die Attraktivität unverzinslicher Vermögenswerte wie Gold und insbesondere Silber gegenüber Anleihen, deren künftige Kaufkraft zunehmend zweifelhaft erscheint.

Hinzu kommt schließlich die industrielle Komponente, die weit mehr als eine bloße Nebenrolle spielt. Silber ist zu einem unverzichtbaren Metall für die Solarenergie, die Leistungselektronik und bestimmte Anwendungen im Zusammenhang mit KI und Halbleitern geworden. Das vierte Quartal ist traditionell der Höhepunkt für Photovoltaik-Installationen: Diese Saisonalität kommt in diesem Jahr voll zum Tragen, während das Angebot aus dem Bergbau nach wie vor kaum elastisch ist, da 70 bis 80 % der weltweiten Produktion aus Kupfer-, Blei- oder Zinkminen stammen, für die Silber nur ein Nebenprodukt ist.

Wenn sich die industrielle Nachfrage und die Investitionsnachfrage überschneiden, ist die Reaktionsfähigkeit des Angebots kurzfristig fast null. Die jüngsten Änderungen der Mehrwertsteuer in China, die bestimmte Goldprodukte benachteiligen, führen dazu, dass ein Teil der Privatkunden auf Silber umsteigt und verstärken damit die allgemeine Umorientierung von reinen Edelmetallen hin zum „Metall der beiden Welten”, das sowohl monetäre als auch industrielle Zwecke erfüllt.

Das Ergebnis dieses Zusammenspiels verschiedener Faktoren ist nicht zu übersehen: ein Silberpreis über 60 Dollar pro Unze, eine Jahresperformance von über 100 %, das Gold/Silber-Verhältnis auf dem niedrigsten Stand seit 2021 und das Bitcoin/Silber-Verhältnis wieder auf dem Niveau von 2023.

Die Entwicklung ist spektakulär, aber sie bedeutet nicht unbedingt das Ende der Geschichte. In realen Zahlen – also inflationsbereinigt – liegt der Silberpreis weiterhin unter den Höchstständen von 1980, die nach den damaligen Berechnungsmethoden heute 150 bis 170 Dollar pro Unze entsprechen würden.

 

Inflationsbereinigter Silberpreis

 

Im Gegensatz dazu ist die Marktstruktur heute viel gesünder als zu Zeiten der Brüder Hunt: Wir erleben keinen isolierten, spekulativen Versuch den Mark zu cornern, sondern die schrittweise Neubewertung eines unterbewerteten Vermögenswerts, der von einem chronischen physischen Defizit, einer geopolitischen Neugestaltung der Metallströme und dem Verlust der Glaubwürdigkeit eines Finanzsystems, das nur noch durch künstliche Risikokompression aufrechterhalten wird, in die Zange genommen wird.

Im Dezember 2024, dann im März, Juli und Oktober 2025 habe ich versucht zu zeigen, dass es nicht darum geht, die nächste Kursentwicklung exakt zu prognostizieren, sondern die stillen Brüche zwischen dem Papiermarkt und der Realität zu verstehen. Der nominale Preisrekord, den Silber gerade aufgestellt hat, ist lediglich der sichtbare Teil dieses Wandels. Solange die Nachfrage nach physischem Metall in Asien, Indien, bei bestimmten westlichen Industrieunternehmen und zunehmend auch bei Sparern hoch bleibt, und solange die Preisfindung weiterhin auf Lieferversprechen basiert, die die tatsächlich verfügbaren Bestände bei Weitem übertreffen, wird die Volatilität extrem bleiben... aber der grundlegende Trend wird weiterhin in Richtung physisches Metall und nicht in Richtung Papier gehen.

Die vollständige oder teilweise Vervielfältigung ist gestattet, sofern sie alle Text-Hyperlinks und einen Link zur ursprünglichen Quelle enthält.

Die in diesem Artikel bereitgestellten Informationen dienen rein informativen Zwecken und stellen keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar.