„Was könnte der Grund für höhere Inflationsraten sein?“, fragten wir uns im vorherigen Artikel über steigende Energiekosten. Heute wollen wir angesichts der jüngsten Ereignisse eine weitere mögliche Ursache erforschen. Wenn wir uns in der Welt und in der Geschichte umsehen, scheint es, als würden steigende Preise nicht allein von der Währungspolitik und der Stimmung im Land ausgelöst. Ein Rückgang des wirtschaftlichen Outputs ist ebenfalls erforderlich. Diese These werden wir heute weiterentwickeln.

Größtenteils in Vergessenheit geraten ist heute, dass die Hyperinflation in Deutschland im Jahre 1923 durch die Besetzung des Ruhrgebiets, des industriellen Zentrums des Landes, durch französische Truppen ausgelöst wurde. Paris wollte Berlin ab Januar jenes Jahres damit zwingen, die Zahlung der Reparationen wiederaufzunehmen. Die deutschen Arbeiter traten daraufhin in „patriotischen“ Streik, unterstützt von der Regierung, welche die Zahlung ihrer Gehälter übernahm. Dies wurde wiederum mit der Druckerpresse finanziert. Hyperinflation = Gelddrucken + Produktionsrückgang. 2000 bis 2009 konnten wir das gleiche Phänomen in Simbabwe beobachten, als die landwirtschaftliche Produktion infolge einer willkürlichen Bodenreform und damit einhergehenden Enteignungen einbrach. Ein weiteres Beispiel ist Venezuela, wo sowohl die Produktion als auch die Einnahmen aus dem Ölhandel sanken. In beiden Fällen wurde der Rückgang des Outputs vom ungezügelten Drucken neuer Banknoten begleitet. Durch den Produktionsrückgang werden Waren knapper, während der Überfluss an Geld die Preise instabil werden lässt – ein Phänomen, welches ab einem gewissen Punkt selbsttragend und unkontrolliert weiterläuft.

In Japan führt die Ausgabe von immer mehr neuen Banknoten, mit der eine Staatsverschuldung von 250% des BIP (Rekord unter den OECD-Staaten) finanziert wird, dagegen nicht zu steigenden Inflationsraten, die weiterhin bei null liegen. Zugleich muss aber gesagt werden, dass die japanische Industrie nach wie vor auf solidem Fundament steht: Wenn Sie ein Auto, eine Kamera oder elektronische Geräte aus Japan kaufen, erhalten Sie zuverlässige Technik auf dem neusten Stand, und das zu einem guten Preis. Das gleiche gilt für die Vereinigten Staaten, die auf vielen Gebieten führend bleiben, und deren Wirtschaft durch Steuersenkungen, Bürokratieabbau und die Aufweichung von Umweltstandards durch die Trump-Regierung weiter gestärkt wurde. In geringerem Maße trifft das auch auf Europa zu.

Von wettbewerbsfähigen und innovativen Industriezweigen und Technologien kann die gesamte Volkswirtschaft profitieren, während Gelddrucken zu Spekulationsblasen (Immobilien, Aktien) und zu Finanzcrashs (2008) führt, welche sicherlich gefährlich sind, das Herz der Wirtschaft aber nicht zerstören können (zumindest bislang).

Aus diesem Grund müssen wir nun die Entwicklung des Coronavirus und Chinas im Auge behalten, denn hier haben wir einen scharfen Rückgang der Industrieproduktion gesehen, seit ganze Regionen unter Quarantäne gestellt wurden. Gleichzeitig beobachten wir eine enthemmte Geldneuschöpfung: Seit dem 2. Februar hat die Zentralbank 150 Milliarden Euro bereitgestellt, und das ist mit Sicherheit nur der Anfang. Die Ausgangsvoraussetzungen für ein Abrutschen in die Inflation sind unserer Ansicht nach gegeben, auch wenn alles vom Umfang und der Dauer dieser Epidemie abhängt – Faktoren, die sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschätzen lassen. Angesichts des Gewichts Chinas in der Weltwirtschaft hätte diese Welle der Inflation internationale Auswirkungen.

In jedem Fall sollte man die folgenden Szenarien im Kopf behalten: Produktionsrückgang aufgrund einer Epidemie, Beeinträchtigung der Ölversorgung (Krieg im Nahen Osten), Streiks und Unruhen, ein Bankencrash, der Sparer und Unternehmen ruiniert, sowie andere schwarze Schwäne auf der einen Seite und eine Zentralbank, die ihre Druckerpressen auf Hochtouren laufen lässt – in dem Glauben, damit Schadensbegrenzung zu betreiben – auf der anderen Seite. Diese Kombination ist gar nicht so unwahrscheinlich.