Inwieweit werden die europäischen Banken der aktuellen Krise widerstehen können? Das ist eine entscheidende Frage, denn auf die Rezession, die wir derzeit erleben, könnte eine Bankenkrise folgen, die die Wirtschaft noch viel härter treffen würde. Eine Studie des führenden französischen Wirtschaftsforschungsinstituts CEPII mit dem Titel „Europäische Banken und der Covid-19-Crash-Test“ wirft ein interessantes Licht auf dieses Thema.

Während eine Liquiditätskrise angesichts des Engagements der Europäischen Zentralbank wenig wahrscheinlich ist, kann eine Solvenzkrise nach Ansicht der Autoren nicht ausgeschlossen werden. Sie stellen eine kurze Berechnung an: „Die Gesamtaktiva der Banken der Eurozone belaufen sich auf 34 Billionen Euro, wobei 11,7 Billionen Euro auf Wirtschaftskredite und 5 Billionen Euro auf Wertpapiere entfallen. Bei einem Eigenkapital (Kapital und Reserven) von 2,5 Billionen Euro wäre ein Ausfall von nur 21% der Kredite (11,7*21% = 2,5) ausreichend, um dieses komplett zu erschöpfen.“

Wenn einer von fünf Krediten, die die Banken vergeben haben, nicht zurückgezahlt wird, stehen die europäischen Banken vor dem Bankrott – kein unwahrscheinliches Szenario in einer längeren Rezession. Umso mehr, als diese Kalkulation eine weite Definition von Kapital akzeptiert (seitens der Banken), da die Leverage Ratio (das Verhältnis von Eigenkapital zur nicht risikogewichteten Bilanzsumme) der Banken der Eurozone in dieser Studie mit 5,8% angegeben wird. JP Chevallier wendet in einem Artikel eine strengere Methode an und berechnet die Leverage der französischen Banken mit 1/40, d. h. der Eigenkapitalanteil würde bei 2,5% liegen und damit weniger als die Hälfte des Wertes der CEPII-Studie betragen. Dies würde bedeuten, dass schon ein Ausfall von etwa 10% der Kredite zu einem Crash der französischen Banken führt.

Ein Ausfall von 21% aller Kredite ist der Studie zufolge keineswegs unplausibel, wenn man bedenkt, dass der Anteil notleidender Kredite (also Kredite, bei denen der Schuldner im Zahlungsrücktand ist) in Italien 2018 bei 8% lag, nachdem er 2015 schon einmal auf 15% geklettert war. Im Durchschnitt der Eurozone hat sich der Anteil ausfallgefährdeter Kredite von 7% im Jahr 2014 auf 3% Ende 2019 verringert. Die vom Wirtschaftsabschwung am stärksten betroffenen Länder könnten jedoch schnell wieder in die Nähe der Gefahrenzone rücken.

Die Studie weist zudem darauf hin, dass der Wert von 21% „das Ergebnis einer statischen Argumentation ist, die Ansteckungs- und Verstärkungseffekte unberücksichtigt lässt, welche eine Zunahme der Ausfallraten beschleunigen könnten.“ Tatsächlich würde die Pleite einer europäischen Großbank einen Dominoeffekt und Bank-Runs in mehreren Ländern auslösen. Die Bankenkrise wird also eintreten, lange bevor dieser Wert erreicht ist.

Was dann? Es gibt auf europäischer Ebene zwei Hilfsmechanismen: Den einheitlichen Bankenabwicklungsmechanismus, in dessen Rahmen etwa 40 Milliarden Euro mobilisiert werden könnten, und den Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM mit einem Umfang von 60 Milliarden Euro. Das ist weniger als die Eigenreserven der Banken in Höhe von 5%. Anders gesagt: nichts. Es müsste die EU-Abwicklungsrichtlinie (Richtlinie 2014/59/EU) angewendet werden, über die wir bereits 2015 gesprochen haben, und die bei von Insolvenz bedrohten Banken eine Gläubigerbeteiligung vorsieht, d. h. die Einleger müssen die Verluste mittragen. Die Regierungen könnten an dieser Stelle eingreifen, um die Bankkunden, die ja auch Wähler sind, zu schützen. Aber: „Der Teufelskreis zwischen Bankenrisiko und Staatsrisiko, der durch die Bankenunion durchbrochen werden sollte, könnte erneut zum Tragen kommen, da die Last dann den Regierungen zufallen würde“, wie es in der Studie heißt. Wir sähen uns mit einer europäischen Schuldenkrise konfrontiert, die viel ernster wäre als die Krise von 2011.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit für dieses Schreckensszenario? Das CEPII ist nicht allzu optimistisch: „Auf der Katastrophenskala ist diese Gesundheitskrise schwerwiegender als eine systemische Finanzkrise, weil sie gleichzeitig sämtliche Wirtschaftsaktivitäten auf globaler Ebene beeinträchtigt.“ Wir werden abwarten müssen, ob und inwiefern das Wachstum zurückkehrt, denn „wenn die Krise bis nach 2020 andauern sollte, ist es höchst wahrscheinlich, dass führende europäische Banken ebenfalls von der Krise getroffen werden“. Wie schon 1929 würden uns dann zehn schwere Jahre bevorstehen…